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Schüchtert LSG Angestellte ein?

Die Lufthansa-Tochter LSG Sky Chefs will in ihren türkischen Filialen die Etablierung gewerkschaftlicher Strukturen verhindern.

Gespräch mit Mustafa Türkel, Vorsitzender der türkischen Dachgewerkschaft Türk-Is.

Ihre Gewerkschaft führt derzeit eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Airline-Caterer LSG Sky Chefs, der mit acht Niederlassungen an allen wichtigen Flughäfen eine wichtige Rolle im türkischen Luftfahrt-Catering spielt. Worum geht es bei dem Streit?
Wir bemühen uns seit 2007, die rund 500 Angestellten von Sky Chefs gewerkschaftlich zu organisieren. Unser Ziel ist die Tariffähigkeit, um die Interessen der Angestellten besser vertreten und Tarifverträge abschließen zu können. Nach den türkischen Gesetzen müssen wir dazu mindestens die Hälfte der Beschäftigten in unserer Gewerkschaft organisieren. Diese Auflage haben wir erfüllt, inzwischen sind 79 Prozent der Angestellten Gewerkschaftsmitglied. Die Tariffähigkeit wird uns deshalb in Kürze erteilt. Doch damit beginnen die Probleme erst richtig.

Inwiefern?
Sky Chefs hat bereits angekündigt, gegen die Tariffähigkeit mit allen Mitteln vorzugehen. Der Türkeimanager der Firma hat deutlich gemacht, dass er vor Gericht ziehen wird.

Was verspricht sich die Firma davon?
Einen wichtigen Zeitgewinn. Erfahrungsgemäß wird der Einspruch erst einmal absichtlich vor dem falschen Gericht eingelegt. Dadurch kann das Verfahren um bis zu zwei Jahre verzögert werden. Die so gewonnene Zeit nutzen Firmen wie Sky Chefs dann dazu, um massiv gegen die gewerkschaftlichen Strukturen in ihren Betrieben vorzugehen. Das Kalkül dabei ist, durch eine Mischung aus Einschüchterungen, Entlassungen und Neueinstellungen die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Angestellten so weit hinunterzudrücken, dass die gesetzlichen Mindestanforderungen für die Tariffähigkeit nicht mehr erreicht werden. Dass Sky Chefs diesen Weg einschlagen wird, hat die Firma bereits deutlich gemacht, indem sie ihre Gangart gegenüber den Angestellten deutlich verschärft hat.

Wie sieht dies konkret aus?
Zunächst einmal hat der Landesmanager bei einer Betriebsversammlung den Angestellten bedeutet, dass er es für eine „Unverschämtheit“ hält, wenn sich die Angestellten gewerkschaftlich organisieren, ohne ihn vorher um „Erlaubnis“ zu bitten. Auch hat er alle, die bereits Gewerkschaftsmitglied sind, zum sofortigen Austritt aufgefordert. Seitdem werden einzelne Angestellte in die Büros der Filialleitungen vorgeladen und massiv unter Druck gesetzt, teilweise aber auch mit Gehaltserhöhungen geködert. Außerdem steht das Wort „Entlassungen“ im Raum, was in der Türkei, wo eine sehr hohe Arbeitslosigkeit herrscht, natürlich einen ganz erheblichen Druck auf die Angestellten darstellt. Zumal es einen wirksamen Kündigungsschutz nicht gibt.

Das türkische Gesetz droht allerdings bei gewerkschaftsfeindlichen Praktiken dieser Art mit bis zu zwei Jahren Haft.
Das stimmt, aber in der Praxis wird diese Sanktionsmöglichkeit nicht angewandt. Die Manager können deshalb recht gelassen sein. Trotzdem ist es ein handfester Skandal, wenn sich eine renommierte deutsche Firma derartiger Mittel bedient und sich über geltendes türkisches Recht sowie internationale Konventionen, die das Recht der Angestellten auf gewerkschaftliche Organisation verbriefen, einfach hinwegsetzt. Aber Sky Chefs ist in dieser Hinsicht durchaus nicht das einzige schwarze Schaf in der Türkei. Auch mit Danone hatten wir ganz ähnliche Probleme. Fünf Jahre haben wir mit dem französischen Konzern um die Anerkennung der Tariffähigkeit gerungen. Und am Ende musste Danone doch einlenken.

Wie wird Ihre Gewerkschaft jetzt weiter vorgehen?
Wir haben bereits den ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske, der auch im Aufsichtsrat von Lufthansa sitzt, um Unterstützung gebeten. Inzwischen hat Lufthansa auch eine Kommission in die Türkei entsandt, um die Haltung des Landesmanagements zu evaluieren. Allerdings hat die Kommission nicht das Gespräch mit uns gesucht, was sicherlich kein gutes Zeichen ist. Wir werden jetzt sehen, ob Sky Chefs sich nicht doch noch zum Dialog mit uns durchringt. Doch wenn es keine Fortschritte gibt und falls Sky Chefs weiterhin Druck auf seine Angestellten ausübt, werden wir uns noch in diesem Monat zu ersten Streiks genötigt sehen.

Interview: Nico Sandfuchs
(in: Neues Deutschland, 02.07.2008)

Illegale Praktiken bei Praktiker?

Gespräch mit dem Vorsitzenden der türkischen Einzelhandelsgewerkschaft Koop-Is, Eyüp Alemdar, über die gewerkschaftsfeindliche Haltung des Türkeiablegers der deutschen Baumarktkette Praktiker.

• Seit 2003 ist Praktiker auch auf dem türkischen Markt aktiv – und fährt dort satte Gewinne ein. Dieser Tage hat Ihre Gewerkschaft vor einer Praktiker-Filiale in Istanbul protestiert. Warum?

Wir bemühen uns seit dem Jahr 2004, die rund 1000 Angestellten der mittlerweile zehn Praktiker-Märkte in der Türkei gewerkschaftlich zu organisieren. Praktiker versucht, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Dadurch verstößt das von einem Deutschen geleitete Türkei-Management nicht nur gegen eine UN-Konvention, sondern auch gegen türkische Gesetze, die die Freiheit der gewerkschaftlichen Organisation in den Betrieben garantieren. Durch unseren Protest haben wir auf die illegale Praxis bei Praktiker aufmerksam gemacht. Wir fordern die Leitung des Unternehmens auf, die nationalen und internationalen Konventionen zu achten sowie die gewerkschaftliche Organisierung der Angestellten nicht länger zu behindern.

• Mit welchen Mitteln behindert Praktiker die Arbeit Ihrer Gewerkschaft?
Lange Zeit machte man mit Arbeitern, die sich gewerkschaftlich organisieren, nicht viel Federlesen. 68 Angestellte wurden kurzerhand entlassen oder zur Kündigung gezwungen. Dagegen sind wir vor Gericht gezogen, was kein einfaches Unterfangen war. Denn bei Praktiker erhalten die Angestellten nicht einmal eine Kopie ihres Arbeitsvertrages. Zudem mussten wir beweisen, dass die Kündigungen tatsächlich wegen des Gewerkschaftsengagements erfolgt sind. Das ist uns zum Glück gelungen. Wir haben alle 26 Prozesse, die wir im Namen der Entlassenen geführt haben, gewonnen – und Praktiker ist zu hohen Entschädigungszahlungen verurteilt worden.

• Wie hat Praktiker reagiert?
Durch eine neue Strategie. Zum Beispiel werden jetzt Angestellte, die in unserer Gewerkschaft organisiert sind, zum Geschäftsführer gerufen und manchmal durch Drohungen unter Druck gesetzt, manchmal aber auch mit dem Versprechen einer Beförderung geködert. Zuckerbrot und Peitsche eben, um den Gewerkschaftsaustritt zu erwirken. Bisweilen werden Gewerkschaftsmitglieder kurzerhand an weit entfernte Arbeitsorte versetzt, um sie zur Kündigung zu nötigen. Trotz alledem ist es uns gelungen, rund 35 Prozent der Praktiker-Angestellten zu organisieren. In einzelnen Filialen sind es sogar bis zu 80 Prozent.

• Hat Ihre Gewerkschaft Gespräche mit Praktiker geführt?
Nachdem wir die deutsche Gewerkschaft ver.di eingeschaltet hatten, gab es einige Treffen mit Praktiker, die uns hoffnungsvoll stimmten. Aber inzwischen haben neue Repressalien in einzelnen Filialen eingesetzt. Das geschieht natürlich nicht ohne Wissen des Landesmanagements. Wir gehen deshalb davon aus, dass Praktiker nach wie vor entschlossen ist, die gewerkschaftliche Organisation zu verhindern.

• Behandeln andere internationale Einzelhandelskonzerne ihre Mitarbeiter in der Türkei ähnlich?
Metro oder Carrefour haben die Gewerkschaften ebenfalls lange Zeit massiv behindert. Und auch der Praktiker-Konkurrent Bauhaus verhält sich ähnlich. Unserer Auseinandersetzung mit Praktiker kommt insofern eine Signalwirkung zu. Es kann doch nicht angehen, dass ein Unternehmen wie Praktiker, das an seinem Heimatstandort in Deutschland den sozialen Dialog mit den Gewerkschaften führt, im Ausland so tut, als hätten die dortigen Arbeiter keine Rechte. Unser Protest war vor allem eine Warnung. Wenn Praktiker jetzt nicht reagiert, dann werden wir andere Seiten aufziehen.
Fragen: Nico Sandfuchs
(in: Neues Deutschland, 22.5.08)