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„Gefährlich für die öffentliche Moral“

Beratungsverein für Homo- und Transsexuelle gerichtlich verboten

Von Nico Sandfuchs

Erst kürzlich hat Human Rights Watch (HRW) die Lage von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in der Türkei scharf angeprangert. Gewalttätige Übergriffe etwa durch Angehörige der Sicherheitskräfte seien noch immer an der Tagesordnung, kritisiert die Menschenrechtsorganisation, in Alltag und Beruf würden zudem insbesondere männliche Homo- und Transsexuelle massiv diskriminiert.

Als ob es noch eines weiteren Beweises für die Berechtigung der Kritik gebraucht hätte, hat am Donnerstag ein Gericht »LambdaIstanbul«, die wichtigste türkische Beratungsorganisation für Homo- und Transsexuelle, schließen lassen. In dem Entscheid heißt es, der Verein stelle eine »Gefährdung für die öffentliche Moral« dar und verstoße somit gegen türkisches Recht. Moniert wurde zudem, daß der Vereinsname Lambda »kein türkisches Wort« sei. Angestoßen hatte das Verfahren der Gouverneur von Istanbul, der in der 1993 gegründeten Beratungsorganisation eine »Bedrohung angestammter Familienwerte« sieht – eine Sichtweise, der sich die Richter nun angeschlossen haben.

„Der Beschluß zeigt einmal mehr auf frappierende Art und Weise die staatliche Haltung gegenüber der sexuellen Präferenz seiner Bürger«, kommentierte Firat Söyle, der Anwalt von »LambdaIstanbul«, den Gerichtsbeschluß. »Jeder, der von der Norm abweicht, gilt als abartig und als Gefahr«. Gegen das »Skandalurteil« werde der Verein nun vor dem Obersten Berufungsgericht Revision einlegen. Ein Sprecher von Lambda kündigte zudem an, notfalls bis vor den Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg zu ziehen, da einer Abwehr des Verbots eine wichtige Signalwirkung für die Stellung von Homo- und Transsexuellen in der Türkei zukomme.

Die konservativ-islamische Regierung unter Ministerpräsident Tayyip Erdogan hält bislang einen Kurswechsel in der staatlich sanktionierten Diskriminierungspolitik für unnötig. Am Bosporus gilt Homosexualität noch immer als »Perversion und fortgeschrittene psychosexuelle Störung«; vom Wehrdienst werden Schwule deshalb unter entwürdigenden Umständen ausgemustert.

(http://www.jungewelt.de/2008/05-31/019.php?sstr=lambda)